HEIMAT- UND GESCHICHTSVEREIN FINTHEN e.V.

Das "Kriegerdenkmal" auf dem Kirchenvorplatz ist das älteste Denkmal in unserm Ort. Es erinnert an die Finther Teilnehmer des Deutsch-Französischen Krieges von 1870-71.

Denkmal 1870 71 Inschrift unrestauriert 2006Das Ereignis

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871 war eine militärische Auseinandersetzung zwischen Frankreich einerseits und dem Norddeutschen Bund unter der Führung Preußens sowie den mit ihm verbündeten süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt andererseits. Die Finther Soldaten dienten dabei in den Großherzog Hessisch-Darmstädtischen Einheiten, die als 25. Großherzoglich-Hessische Divison in das IX. Armeekorps der II.Armee eingegliedert war.

1875 errichteten die Einwohner den Gefallenen ein Denkmal im Stil der Zeit, in Form eines Obelisken aus rotem Sandstein, mit Schmuckrelief auf der Schauseite.

Über dem abstuften Sockel Postament mit Giebeln befindet sich auf der Vorderseite die Inschrift.

ZUR ERINNERUNG AN DEN SIEGREICHEN FELDZUG 1870/71
IHREN TAPFEREN KRIEGERN DIE DANKBAREN EINWOHNER 1875

Auf den Seiten und der Rückseite befinden sich die 65 Namen der Teilnehmer des Feldzuges, die Namen der Einheiten, in denen sie dienten. sowie weiterer Zusätze. Zum Teil sind die Inschriften verwittert. Offensichtlich waren zudem mehrere Steinmetze an der Einmeißelung der Namen beteiligt, die Abkürzungen für die Einheiten sind nicht einheitlich und nicht immer werden die Namen korrekt wiedergegeben. Eine Ordnung nach Alphabet oder Einheit ist nicht erkennbar. Schauen Sie sich das Denkmal auch vor Ort an. Folgende Inschriften konnten festgestellt werden:

 

Westseite linke Spalte   Westseite rechte Spalte
Name Vorname Einheit I Einheit II Kreuz Zusatz Name Vorname Einheit I Einheit II Kreuz Zusatz
PFEIFER JOH. 2.Jäg.B. 2.C. STEIN MICH. 4.R. 5.C.
PFEIFER AD. 2.Jäg.B. 1.C. + STEINBRECH JOH. 4.R. 6.C.
PFEIFER PH. 2.?R. 3.Sch. VOGT K. 4.R. 4.C
REHM JOH. 2.Jäg.B. 2.C. VEIT JAC. 4.R. 5.C.
REIS JOH. 1.Rer?-R 5.Sch. + VEIT JOS. 4.R. 2.C.
REIS AND. 4.R. 8.C. + VEIT JOH. 4.R. 2.C. +
SCHMITT WIL. 4.R. 8.C. WEIL C. 3.R. 8.C.
SCHMITT ADAM 4.R. 6.C. WEIL CHRIST. 4.R. 4.?C. +
SCHMELZEISEN  H. 4.R. 6.C. WEIL A. 3.R. 2.C. Unterof.
SECKERT FR. 4.R. 6.C. WOLLSTÄTTER G. 3.R. 5.C. +
SCHOTTLER JAC. 1.R.R 4.Sch. LEHR PET. 1.R.R. 5.Sch. +
MÜLLER JAC. 4.R. 5.C. + HEEB FR. 2. ??? 1.Sch. +
KOHL M.? ?.R. ? MÜLLER FR. Unleserlich Unleserlich
Nordseite linke Spalte   Nordseite rechte Spalte
Name Vorname Einheit I Einheit II Kreuz Zusatz Name Vorname Einheit I Einheit II Kreuz Zusatz
ALLES PH. 2.J 1g.B. 3.C. + GEIER ANT. Trom +
BULIE NIC. 3.R. 2.C. + 8.Dec. 1873 GEIER PET. 1.Reit.R. 4.Sch. +
BIEROTH JAC. 2.R. 1.C. Untof. HACH THEOD. 1.Reit.R. 1.Sch.
BECKER V. 2.Reit.R. 4.Sch + UntF HITTER JOH. 2.Reit.R. 5.Sch. +
EISINGER PH. 2.R.R. 3.Sch UntF HITTER JOH. Kr.Träger +
FRENZ JAC. 2.Jäg.B. 2.C. + HERZBACH H. 4.Rgt. 1.C. +
FUCHS W. Art.2 Sch.6.Pf + HERMANN AD. Art.1. leicht. BB +
GEIER JOH. 4.Rgt. 8.C. MARSCHMANN FR. 4.R. 3.C. +
GEIER CHRIST. 3.R. 4.C. + PFEIFER JAC. 5.C. Laz. + Untof.
GEBHARDT A. 2.Jäg.B. Unleserlich PFEIFER PH. 2.R. 5.C. + Untof.
GRÄFFIN MICH. 4.Rgt. 8.C. + PFEIFER A. 2.J.B. 1.C. + kom 74?
PFEIFER AD. 4.Jnf. 7.C. + WIES P. 4.R. 2.C.
Ostseite linke Spalte   Ostseite rechte Spalte
Name Vorname Einheit I Einheit II Kreuz Zusatz Name Vorname Einheit I Einheit II Kreuz Zusatz
BURCKHARD JEAN 2.R.R. 2.S. + RATHGEBER L. 2.R. 1.C. + Untof
BIEROTH W. 4.R. 6.C. REIS JOH. 2.Jäg.B. 3.C.
DATZ G. 4.R. 2.C. + SPIRA FR. 6 Uhl lt 2.S. +
GRAU M. 2. Jäg.B. 4.C. + VEIT JOH. 4. R. 4.C.
GEIER PET. 4.R. 8.C. WEIL M. 4. R. 8.C. +
HITTER JGN. 4.R. 7.C. + WAGNER K. 4.R. 4.C.
HOCHHAUS JOS. 2.Jäg.B. 1.C. GEIER A. 4.R. 5.C.
SCHMITT JOH. I.R.R 4.Sch

 

Aus den Inschriften können Rückschlüsse gezogen werden. Das Gros kämpfte in der Infanterie (abgekürzt R. oder Reg.) nämlich 35 Personen, verteilt auf:

Infanterie-Regiment Nr. 116 (2. Großherzoglich Hessisches), 3 Personen

Infanterie-Leibregiment Nr. 117 (3. Großherzoglich Hessisches), 5 Personen

Infanterie-Regiment Nr. 118 (4. Großherzoglich Hessisches), 27 Personen.

Im Jäger-Bataillon (abgekürzt Jäg.B.) Nr. 2 dienten 10 Personen. Bei den Reiterregimentern (abgekürzt R.R. ) waren es 12 Personen, mit jeweils 6 Personen im 1. und 2. Reiterregiment, während bei der Artillerie (abgekürzt Art.) nur 2 Finther dienten. Zu diesen 59 Personen kommen ein "Trom." (Trompeter?), ein "Kr.Träger" (Krankenträger?), eine Person bei den "6. Uhl.lt. 2.Sch". (6. Reg. leichte Ulanen, 2tes Schwadron) sowie eine Person in der "5.C. Laz." (5. Lazarett- Kompanie?) hinzu. Die leichten Ulanen konnten nicht den hessischen Truppen zugeordnet werden.

Bei zwei weiteren Personen sind die Regimenter auf dem Denkmal nicht mehr zu erkennen. In Summe ergeben sich 65 Personen, davon 7 Unteroffiziere, die 1870 ihre seit 1867 im Großherzogtum Hessen geltende Wehrpflicht ableisteten. Die Kasernen der Einheiten in denen Finther dienten, befanden sich überwiegend in Darmstadt, ein Teil der Reiter war in Butzbach stationiert. Von diesen Kasernen aus zogen sie in den Krieg.

 

Die Kreuze hinter den Namen

Welche Bedeututung die Kreuze hinter den Namen auf dem Denkmal haben ist momentan - Stand 2021 - unklar. Ursprünglich dachten wir, bei dem Denkmal handele es sich generell um einen Gedenkstein für die Gefallenen des Krieges. Dem ist nicht so, es gibt ein Bild eines Veteranentreffens im Jahr 1885 das durch seine Existenz bezeugt, dass es mindestenes ein paar Überlebende gab.

Das verleitete uns zu der These, bei den mit einem Kreuz gekennzeichneten Personen handele es sich um Gefallene, ohne Kreuz um Überlebende. Auch diese Annahme erwies sich als Trugschluss. Beispielsweise ist Veit bzw. Vitus Becker mit einem Kreuz markiert, er heiratet aber 1871 und ist sogar bei dem Veteranentreffen von 1895 dabei! Auch andere, mit einem Kreuz markierte Personen können nach 1871 nachgewiesen werden.

Sind es vielleicht Träger des Eisernen Kreuzes? Auch das kann nicht stimmen, der einzig bekannte Träger eines Eisernen Kreuzes, Ambrosius Weil, hat auf dem Denkmal kein Kreuz.

Es bleibt eine letzte These, die wir allerdings nicht belegen können und die deshalb Theorie bleibt. Eventuell gedachten die Veteranen bei ihren jährlichen Treffen ihren toten Kameraden und ließen für die mittlerweile Verstorbenen ein Kreuz einmeißeln. Die Todesangabe 8. Dec. 1873 bei Nikolaus Bulier (BULIE NIC.) könnte ein Hinweis darauf sein. Er war wohl der Einzige, der vor Errichtung des Denkmals 1875 gestorben war, weshalb nur er explizit mit einem Sterbedatum versehen wurde. Später Verstorbene wurden mit einem Kreuz markiert, eine Tradition, die zu einem gewissen Zeitpunkt in Vergessenheit geriet.

Ursprünglich stand das Denkmal an der Kirchgasse. Im Rahmen der Errichtung des Denkmals für die Gefallen des Ersten Weltkriege wurde es in nationalsozialistischer Zeit, 1938/38 an die heutige Stelle versetzt. Nichts sollte die freie Sicht von der Poststraße, damals Adolf-Hitler-Straße, auf den neu errichteten Ehrenhof mit Denkmal beeinträchtigen.

2012 war das Kriegerdenkmal grundlegend restauriert worden.Denkmal 1870 71 Postkarte 1906 1