Gespenstergeschichte

is- Auch in Finthen spukte es einmal, wenn dies auch mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist.

1831 wird in dem in München herausgegebenen Unterhaltungsblatt Flora auf Seite 211 eine Gespenstergeschichte veröffentlicht, die wir hier im originalen Wortlauf wiedergeben.

Zum besseren Verständnis des Textes sind vorab einige Erläuterungen notwendig. Bei dem erwähnten Schulhaus, handelt es sich um das Jungenfeldsche Haus, heute Poststraße 48. Es war vom Mainzer Weihbischof Edmund Geduldt von Jungenfeld errichtet worden. Nach dessen Tod wechselte das Gebäude mehrfach den Eigentümer, bis es 1830 schließlich die Gemeinde als Schulhaus erwarb. Unmittelbar danach muss sich die folgenden Geschiche zugetragen haben.

(Gespenstergeschichte.) Neben den höhern Fragen der Politik und ihren Constellationen in Europa beschäftigt die Fama seit einigen Tagen die Landbewohner in der Umgegend von Mainz eine ganz romantische Geistergeschichte.

Fintheim, ein 1 1/2  Stunden von Mainz entlegenes Dorf, ist der interessante Ort, in welchem die Geister der Vorwelt sich herablassen, die Zeitgenossen ein wenig in Angst und Schrecken zu setzen, um ihnen alsdann sicher einen großen Schatz, der die Seele des früheren Besitzers nicht ruhen ließ, großmüthig zu überweisen.

Das jetzige Schulhaus ist der Tummelplatz dieses wandelnden Geistes, der sich vorerst dadurch kund gibt, daß er die Flaschen und Gläser klirren und tanzen läßt — nebenbei auch rumort in den Zimmern, knistert wie brennendes Reißig in dem leeren Ofen und in den Ecken — und überhaupt allerlei Spuck treibt, daß man unmöglich in seiner Nahe aushalten kann.

Wer nur Dr. Faust's Höllenzwang oder Swedenborg's Geisterbeschwörung besäße, dem wäre ein Leichtes, den Geist zu bannen, und mit einer Wünschelruthe, deren es ja viele gibt, den Schatz zu heben. An inländischen starken Geistern, das heißt, an Männern von Fintheim selbst, denen es weder an Mut fehlt, auf Gespensterjagd zu gehen, noch an dem sehnlichsten Wunsche, Schätze zu heben, fehlt es zwar nicht; dem Vernehmen nach soll einer sogar alle erforderlichen mystischen Schriften der Cabala und sogar einen Spiritus familiaris in einer goldgelben Phiole besitzen, — dieser wolle aber vorerst den Geist noch bis zur nächsten Mondsfinsterniß leben lassen, und ihn dann erlösen.

30 bis 40 junge Leute von Mainz, die, um einmal einen Geist zu sehen, und ihn, wo möglich, zu bannen, eine Nacht in dem verwünschten Schloße zubrachten, konnten nicht zum Ziele kommen; wahrscheinlich war diesem Geiste die Anzahl zu groß, und er hielt es für rathsam, unsichtbar zu bleiben; dennoch setzte er später seine Spukereien fort.

Ob sich irgend ein Fintheimer Bewohner einen Privatspaß macht und den Geist spielt, in welchem die Populace nichts weniger, als einen ehemaligen Bischof wähnt, oder ob ein Partikular-Jnteresse in dem Geisterreiche einen Gehülfen sucht, um vielleicht ein verrufenes Haus wohlfeil zu erwerben, dies zu ermitteln, wird wohl der Polizei bald gelingen.

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